{"id":1377,"date":"2018-10-24T20:56:38","date_gmt":"2018-10-24T18:56:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/?page_id=1377"},"modified":"2018-10-25T00:51:21","modified_gmt":"2018-10-24T22:51:21","slug":"wallerstein","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/vita\/wallerstein\/","title":{"rendered":"Wallerstein"},"content":{"rendered":"<h4><strong>\u00a0<\/strong><strong>Freitag, 17. M\u00e4rz 1950\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Rieser Nachrichten\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Nummer 33 Seite 13 \u00a0\u00a0<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/w1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1385\" src=\"http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/w1-300x159.png\" alt=\"\" width=\"435\" height=\"231\" srcset=\"http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/w1-300x159.png 300w, http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/w1-768x408.png 768w, http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/w1.png 840w\" sizes=\"auto, (max-width: 435px) 100vw, 435px\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/w2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1384\" src=\"http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/w2-300x234.png\" alt=\"\" width=\"296\" height=\"231\" srcset=\"http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/w2-300x234.png 300w, http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/w2.png 561w\" sizes=\"auto, (max-width: 296px) 100vw, 296px\" \/><\/a><br \/>\nFotos von <a href=\"http:\/\/www.mikomma.de\/pub\/lotte-komma\/\"><strong>Dr. Lotte Komma<\/strong><\/a>: Das Schl\u00f6\u00dfchen, Dreifaltigkeitss\u00e4ule, Die Reitschule<strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Zum Geleit!<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Die Gemeindeverwaltung begr\u00fc\u00dft mit Freude und Genugtuung den Entschlu\u00df der gro\u00dfen Heimatzeitung, dem kommunalpolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Marktes Wallerstein eine Sonderseite zu widmen und damit die enge Verbundenheit zwischen Presse und Landschaft eindrucksvoll zu betonen. Seit Jahrhunderten als Sitz des angestammten F\u00fcrstenhauses in besonderer Weise ein Mittelpunkt des Rieses, hat Wallerstein heute eine alte Tradition mit neuen Aufgaben zu vereinigen, die durch die sozial und wirtschaftlich tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen in seiner B\u00fcrgerschaft schwierig und verantwortungsvoll geworden sind. Zu ihrer Bew\u00e4ltigung ist die ausgleichende und verst\u00e4ndnisvolle Lenkung der \u00f6ffentlichen Meinung, wie sie der Presse als wichtigste Aufgabe zukommt, unentbehrlich. Die Gemeindeverwaltung erhofft von der fortschreitenden Vertiefung der Beziehungen zwischen Presse und Volk segensreiche Wirkungen und wird ihrerseits dazu beitragen, diese enge Verbindung zu f\u00f6rdern.<\/em><\/p>\n<p><em>Wallerstein, den 13. M\u00e4rz 1950.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 B\u00fcrgermeisteramt: Stoller.<\/em><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h4><strong>Wallerstein in Geschichte und Gegenwart<\/strong><\/h4>\n<h6><strong>Dr. Karl Michael Komma<br \/>\n<\/strong><\/h6>\n<p>Ein lieber Besuch hat sich angesagt. Wir fahren ihm nach N\u00f6rdlingen entgegen und zeigen ihm dann aus einem offenen Fenster des \u201eRiesexpre\u00df\u201c die einpr\u00e4gsame Silhouette unseres Wallerstein. Blauseiden liegt Vorfr\u00fchlingsdunst \u00fcber Wiesen und \u00c4ckern. Im Sonnenglanz ringsum die blanken D\u00f6rfer. Inmitten der Ebene aber erhebt sich, von hohen B\u00e4umen umstanden, ein Felsenmassiv, an das sich der Ort mit Kirche, Schlo\u00df, H\u00e4usern und H\u00f6fen anschmiegt. Unser Gast r\u00fchmt den lieblichen Anblick und wir versprechen ihm, noch in der Mittagsstunde einen Gang durch Wallerstein zu machen und wie auf einem Bilderbogen die wesentlichen Z\u00fcge des Marktes, seiner Geschichte und gegenw\u00e4rtigen Aufgaben zu deuten.<\/p>\n<p><strong>Ein anmutiges Bild<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas ist ja gar kein gew\u00f6hnlicher Markt!\u201c wir gehen durch die neu gerichtete breite Hauptstra\u00dfe am Krankenhaus vorbei und biegen beim stattlichen \u201eSechserbau\u201c, den J. A. von Belli de Pino um 1790 f\u00fcr eine aus sechs Herren bestehende Baugenossenschaft errichtete, in die Felsenstra\u00dfe, die alte Judengasse ein. Die gro\u00dfe Synagoge, die sich kurz vor der Abzweigung erhebt, f\u00e4llt dem Besucher auf. In ziemlichen Anstieg geht es an schmucken H\u00e4uschen vorbei, die teils ihre Giebel der Stra\u00dfe zukehren, teils mit merkw\u00fcrdigen Anbauten frontal stehen. Ein pr\u00e4chtiges Wirtsschild l\u00e4dt zum \u201eOchsen\u201c ein. Aber wir wollen erst einmal die Augen trinken lassen! Der \u00e4u\u00dferste Geb\u00e4udering der alten Burg steht uns entgegen. Wir biegen ab und gelangen \u00fcber Br\u00fccke und Graben zum Torbau, \u00fcber dessen Bogen zwei Spr\u00fcche aus dem 126. Psalm an die Abh\u00e4ngigkeit alles menschlichen Tuns vom g\u00f6ttlichen Willen gemahnen. Im Torweg droht ein Tafelbild mit der \u201eStraff der Burgfridsbrecher\u201c: ein Beil schwebt \u00fcber der Hand auf dem Block. Wir geloben, ganz friedlich zu sein und umschreiten den Felsen. Der Freund, ein Theaternarr, kann sich vor Freude \u00fcber den Zauber der \u201eNaturb\u00fchne\u201c am Felsenloch nicht beherrschen und steigt hinunter, ein St\u00fcck \u201eOrpheus\u201c und \u201eFreisch\u00fctz\u201c zu probieren. Dann stehen wir im leichten Wind droben und blicken in die Runde. Die alte Reichsstadt N\u00f6rdlingen gr\u00fc\u00dft vom S\u00fcden mit T\u00fcrmen und Giebeln, der \u201eDaniel\u201c blinkt im Mittagslicht. Und w\u00e4hrend in den 99 Orten, die man von hier sehen soll (wer hat sie noch nicht gez\u00e4hlt?) die Mittagsglocken zu l\u00e4uten anheben, wandern die Augen die H\u00fcgelketten entlang zum Goldberg, zum Ipf, entdecken Schlo\u00df Baldern auf der Waldkuppe, das Zipplinger Kirchlein, nach den W\u00e4ldchen hinter Munzingen die wei\u00dfe Flanke des fr\u00e4nkischen Hesselberges hinter der eigenartigen Bodensenke zwischen Marktoffingen und Maihingen, streifen die Jurah\u00e4nge im Westen und kehren wieder zu den H\u00f6hen hinter N\u00f6rdlingen, den Albausl\u00e4ufern, zur\u00fcck. Ein kleines geologisches Gespr\u00e4ch schlie\u00dft sich an. Der Gast erlebt schaudernd die terti\u00e4re Explosion des Rieskessels und ist heilfroh, in dem gro\u00dfen See, dessen Muschelgetier nun ewig im Kalkstein schlummert, hoch auf dem Felsen gerettet zu sein. Da zieht die Wirklichkeit mit der Anmut des Ortsbildes den Blick ins Gegenw\u00e4rtige. Ich w\u00e4hle den Heimweg so, da\u00df wir nach einem kurzen Besuch im Rundbau der 1625 erbauten Mariahilfkapelle und im Garten des Institutes der Englischen Fr\u00e4ulein, vorbei am ehemaligen Piaristenschlo\u00df und der gotischen Schlo\u00dfkapelle Sankt Anna zum Neuen Schlo\u00df gelangen, hinter dessen Hof sich die freundliche Weite des Parkes auftut. Ich deute hinauf zu den S\u00e4len im ehemaligen \u201egr\u00fcnen Haus\u201c, erw\u00e4hne Haydns Besuch von 1790 und zu den imagin\u00e4ren Kl\u00e4ngen der \u201eLondoner Sinfonie\u201c schreiten wir beschwingt in den alten Park. Die Magnolien haben schon gro\u00dfe Knospen, die Kastanien auch. Am biedermeierlichen Gew\u00e4chshaus kann man sich so sch\u00f6n sonnen und durch die St\u00e4mme und Zweige zum \u201eSchl\u00f6\u00dfchen\u201c, zum Witwensitz, hin\u00fcberschauen. Belli de Pinos Bau weckt tausend Erinnerungen. Wollen wir \u201eFigaro\u201c spielen oder die \u201eKleine Nachtmusik\u201c im Scheine der Fackeln? In der m\u00e4chtigen Reitschule regt der scharfe Geruch der Pferde den begeisterten Freund an, ein paar Lieblingsstellen aus Bindings \u201eReitvorschrift f\u00fcr eine Geliebte\u201c zu zitieren. Die barocke Gala-Berline und die Schlitten, darauf man in dr\u00e4uenden L\u00f6wen und Drachen fr\u00f6hlich dahinsauste, haben ausgedient. Wir verlassen den Schlo\u00dfbezirk. Die katholische Pfarrkirche St. Alban, deren erste Erw\u00e4hnung 1242 geschah, nimmt uns in ihre vor kurzem w\u00fcrdig erneuerte zweischiffige Halle auf. Sankt Albanus, der Namenspatron vieler Wallersteiner, tr\u00e4gt sein Haupt in H\u00e4nden. Ein sp\u00e4tgotischer Kruzifixus blickt leidensschwer herab. In der Sakristei stehen herrliche Paramentenk\u00e4sten im Renaissancestil aus dunkler Eiche mit Akanthus und Fruchtzierat. Neben der Kirche das Pfarrhaus, ein Juwel der Baukunst um 1580. Am Ende unseres Rundganges stehen wir vor der barocken Pests\u00e4ule von 1725. Vergleiche mit Prager und Wiener Bilds\u00e4ulen kommen uns in den Sinn. Im R\u00fcckschauen gewahren wir noch einmal das organische Bild der Ortsmitte mit dem Zwiebelturm der Pfarrkirche. Nein, das ist kein gew\u00f6hnlicher Markt! \u2013<\/p>\n<p><strong>Wallersteiner und Sudetenrieser vereint<\/strong><\/p>\n<p>Das Bild Alt-Wallersteins hat sich in den letzten f\u00fcnf Jahren nicht wesentlich ver\u00e4ndert. Aber es ist sch\u00f6ner geworden. Die Brandruinen von 1945 sind verschwunden. Viele H\u00e4user leuchten in neuem Verputz, am Osthang des Felsens sind schmucke Wohnh\u00e4user entstanden und das Sorgenkind der Gemeinde, die Hauptstra\u00dfe, hat endlich, wenigstens bis zur Ortsmitte eine frische Decke bekommen. \u00dcber die Friedhofsmauer ragt eine neue Leichenhalle. Drinnen, auf den Gr\u00e4bern der Gefallenen aus den letzten Kampftagen, haben Gras und Blumen l\u00e4ngst feste Wurzeln gefa\u00dft. 39 M\u00e4nner und Jungm\u00e4nner sind nicht mehr aus dem Kriege heimgekehrt; 5 sind noch in Gefangenschaft. Aber wie sehr hat sich die Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung seit dem Kriegsende ver\u00e4ndert. Damals z\u00e4hlte man 1140 Einwohner, heute sind es 2063, davon 1266 Einheimische. Die Ungl\u00fccklichen, die der Ha\u00df aus ihrer sch\u00f6nen Heimat im Osten, aus den Sudetenl\u00e4ndern, Schlesien und den S\u00fcdoststaaten vertrieb, kamen zumeist 1946 in grenzenloser Armut hier an. Es war f\u00fcr alle eine harte Probe. Wie k\u00f6nnte mit Worten ausgesprochen werden, was in all den Monaten gelitten, wieviel Entt\u00e4uschungen, aber auch wieviel Liebe erlebt wurde? Die Probe ist bestanden. In wenigen F\u00e4llen hat Unverstand das Zusammenleben erschwert. Allgemein aber f\u00fchlt man nun die Wachstumsringe des Verst\u00e4ndnisses, das mit der Zeit Verbindungen schafft, die zun\u00e4chst unm\u00f6glich schienen. Der wirtschaftliche Aufschwung des Marktes ist nicht zuletzt auf die gesteigerten Bed\u00fcrfnisse und den Willen zur Bew\u00e4hrung zur\u00fcckzurufen. Einheimische, Ostdeutsche und Evakuierte sind gemeinsam am Werk, eine wirkliche Gemeinde zu werden und die lustige Parole des Faschingsschwankes: \u201eWir bilden einen neuen Stamm, Sudetenrieser halt\u2019s euch z\u2019samm!\u201c zeigt deutlich, da\u00df der Zusammenschlu\u00df der so verschiedenen Stammesangeh\u00f6rigen zum inneren Wunsch der 2000 geworden ist. Der Frage \u201ewo goscht na\u201c steht nun im Stra\u00dfengespr\u00e4ch die egerl\u00e4ndische Fassung \u201ewou g\u00e4ihst hi\u201c beinahe gleichberechtigt gegen\u00fcber. Aber die Kinder der Neub\u00fcrger schw\u00e4beln unverkennbar. Als ich j\u00fcngst meinen Buben strafen mu\u00dfte, schmollte er in echter Rieser Mundart: \u201eBuala, des wird gsagt!\u201c Es ist sehr bedauerlich, da\u00df die sch\u00f6ne einheimische Tracht kaum mehr getragen wird. Jetzt geht nur noch der Bauer Egetemeyer im blauen Kittel und mit der schwarzen Kappe durch den Markt. Daf\u00fcr bietet im Winter der Bessarabiendeutsche Gerstenberger mit seiner gro\u00dfen Pelzm\u00fctze einen hier ungewohnten Anblick. Die Sudetendeutschen und Schlesier haben nur ihre Heimatsprache retten k\u00f6nnen. Wie lange wird sie noch klingen? Wer die Namen der Einheimischen studiert, wird bald gewahr, da\u00df der Stamm der Urwallersteiner verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig klein ist. Neben w\u00fcrttembergischen Familiennamen (wie z.B. dem alten Waffenschmiednamen der Bozenhard) sind in den vergangenen Jahrhunderten vor allem in der f\u00fcrstlichen Beamtenschaft immer wieder \u00f6stliche Namen aufgetaucht. Die Beziehungen des F\u00fcrstenhauses zu B\u00f6hmen waren von jeher rege. Davon wird noch die Rede sein.<\/p>\n<p><strong>Bauernflei\u00df und reges Gewerbeleben<\/strong><\/p>\n<p>Die soziale Struktur Wallersteins ist au\u00dferordentlich vielgestaltig. Der Ort war immer durch die Residenz bestimmt und hat dadurch nicht nur im Baulichen sein besonderes Gepr\u00e4ge erhalten. \u00dcber das F\u00fcrstenhaus und die f\u00fcrstliche Dom\u00e4nenverwaltung handelt heute ein eigener Bericht. \u2013 In der sehr fruchtbaren Landschaft des Rieses, wo im Sommer die goldbraunen Weizenfelder wogen, wird das Bauerntum immer ausschlaggebend sein. Wallerstein hat 65 b\u00e4uerliche Betriebe, die eine Bodenfl\u00e4che von 630,35 ha bebauen. Es geh\u00f6rt zu den eigenartigen Reizen des Ortes, in der Erntezeit die hochbeladenen Wagen zwischen den h\u00f6fisch-feierlichen Fassaden hinfahren zu sehen, in der Weidezeit morgens und abends den Trott der Rinderherden, den wimmelnden Zug der Schafe oder ein andermal das l\u00e4ssige Wandeln einer Mastsau zu beobachten. \u2013 Dem Bauernflei\u00df entspricht ein reges Gewerbeleben. Die Zahl der Betriebe ist im vergangenen Jahrf\u00fcnft von 77 auf 87 angestiegen. Viele Unternehmungen konnten sich entscheidend vergr\u00f6\u00dfern und ihre Werkst\u00e4tten und Verkaufsr\u00e4ume ausbauen. Das Brot, dessen Grundstoff die Bauern schaffen, wird in 5 B\u00e4ckereien bereitet, von denen einige dem Zug der Zeit nach S\u00fc\u00dfigkeiten folgend, auch Konditorwaren herstellen. 4 Fleischereien sorgen f\u00fcr alle, die nicht vegetarisch leben m\u00fcssen, 2 Molkereien und 7 Lebensmittelgesch\u00e4fte und ein Gefl\u00fcgelh\u00e4ndler helfen jedem Hunger ab. 3 G\u00e4rtnereien bauen Gem\u00fcse und Obst, bieten aber auch den Blumenfreunden zarte und bunte Gew\u00e4chse an. Die Markenbaumschule Richard Ritter wird schon in den n\u00e4chsten Jahren in der Lage sein, das Ries mit hochwertigem Pflanzmaterial in Obstb\u00e4umen aus heimatlichem Boden zu versorgen. Dies ist wichtig wegen der gleichen klimatischen und bodenm\u00e4\u00dfigen Verh\u00e4ltnisse, denn Obstjungpflanzen sind sehr empfindsam. Die Firma betrieb seit 1810 eine Gem\u00fcse- und Gem\u00fcsesamenzucht, verband damit sp\u00e4ter eine Blumenzucht und Blumenbinderei und gliederte sich im Jahre 1930 eine Markenbaumschule an in der Erkenntnis, da\u00df der Jungbaum als Pflanzmaterial aus heimatlichem Boden kommen mu\u00df, soll er ertragsfreudig im Alter sein. 13 Gastwirtschaften stehen den durstigen und Rastsuchenden offen und eine Weingro\u00dfhandlung kann die Freunde geistiger \u201eBlumen\u201c zufriedenstellen. F\u00fcr den Bedarf an Kleidung sind zwei Textilgesch\u00e4fte, 6 Schuhmacher, 4 Schneider, zahlreiche Schneiderinnen, eine Modistin und 2 Strickereibetriebe t\u00e4tig. In den Reihen der Neub\u00fcrger sind viele Heimarbeiterinnen f\u00fcr N\u00f6rdlinger und Allg\u00e4uer Unternehmungen am Werk. 3 Friseure helfen den Sch\u00f6nheitsbed\u00fcrftigen bei der Erhaltung ihres werten \u00c4u\u00dferen. Eine Papierhandlung ist k\u00fcrzlich er\u00f6ffnet worden. 2 Uhrmacher halten die Zeit im richtigen Gang. 2 Kohlenh\u00e4ndler w\u00e4rmen die kalten Stuben, ein Ofensetzer baut die geeigneten \u00d6fen dazu. 2 Spengler richten das Kochgeschirr, einer davon ist in weitem Umkreis als Installateur, der andere als Kunstschmied bekannt. Ein Schmied bedient wie ein Wagner und Karosseriebauer vor allem b\u00e4uerliche Kundschaft. 4 Schreiner und 1 Tapezierer befriedigen alle W\u00fcnsche der M\u00f6belk\u00e4ufer und Heimgestalter. 2 Zimmerleute, darunter ein Spezialist f\u00fcr Treppenbau, ein Steinmetz, ein Mechaniker und ein Autoreparateur sowie zwei Fuhrunternehmen schlie\u00dfen den Reigen der Gewerbet\u00e4tigen. Wem der p\u00fcnktliche Verkehr der Bundesbahn, der f\u00fcr die vielen Wallersteiner Arbeiter in N\u00f6rdlinger Betrieben den Charakter eines Vorortverkehrs angenommen hat, nicht gen\u00fcgt, dem stehen ein Mietauto- und 2 Autobusunternehmungen am Ort zur Verf\u00fcgung. Hoffentlich habe ich nichts vergessen. Auf Namensnennung wurde verzichtet, weil unsere Anzeigenseite gen\u00fcgend Aufschlu\u00df gibt.<\/p>\n<p>Von den drei Industrien Wallersteins ist die f\u00fcrstliche Brauerei in unserm Sonderbericht angef\u00fchrt. Nach dem Kriege wurde die fr\u00fcher in Berlin und Magdeburg beheimatete Essenzen- und Fruchtsaftfabrikation von Dr. Piper-Flemming u. Co. hier aufgebaut. Der alte Weinh\u00e4ndler Abendanz, der in der napoleonischen Zeit bis zu 80 Pferde in der ganzen Umgebung laufen lie\u00df, um den damals ungleich h\u00f6heren Durst der Rieser zu befriedigen, w\u00fcrde sich wundern, wenn er die Ver\u00e4nderungen sehen k\u00f6nnte, die in den Kellereien des Diemantsteinschen Hauses vor sich gegangen sind. Anderthalb Jahre lang wurde der Schutt aus den Kellern gefahren und zum Baugrund f\u00fcr die neuen H\u00e4user an der Birkhausener Stra\u00dfe aufgesch\u00fcttet. Neue Decken wurden eingezogen. Nun arbeitet die Belegschaft (80 Prozent Ausgewiesene) unter Leitung des so humorvollen und saftkundigen Chefchemikers Dr. Lochm\u00fcller (fr\u00fcher Schulthei\u00dfkonzern) an der Bereitung naturreiner Grundstoffe f\u00fcr die Lik\u00f6r- und Fruchtsaftindustrie. Das Unternehmen hat davon abgesehen, sich mit der Konjunktur zu vergr\u00f6\u00dfern, hat aber durch gebietsweise Verteilung des Absatzes die alte Kundschaft im ganzen Bundesgebiet erhalten. \u2013 Im f\u00fcrstlichen Keller sind Dipl.-Ing. Hermann Ritzers Werkst\u00e4tten f\u00fcr Holzbearbeitung und Modellbau untergebracht. Sie wurden am Ausgang des Krieges von K\u00f6ln hierher verlagert und besch\u00e4ftigen in ihrer Belegschaft von 37 Arbeitern 70 Prozent Ausgewiesene. Die Hauptarbeit besteht in der serienm\u00e4\u00dfigen Herstellung von Radiok\u00e4sten und Tischuhrgeh\u00e4usen. Au\u00dferdem steht der Bau von Modellen f\u00fcr jede Art von Gu\u00df, der nun vor allem Auftr\u00e4ge aus Bayern bringt, etwas f\u00fcr ganz Nordschwaben Einmaliges dar. Ing. Ritzer bildet planm\u00e4\u00dfig Hilfsarbeiter zu Spezialisten aus.<\/p>\n<p>Dem in ihrem Tagwerk Erkrankten stehen vier \u00c4rzte sowie zwei Dentisten mit Rat und Tat bei. Eine Hebamme ist Tag und Nacht bereit, dem kleinsten Wallersteiner den Weg zur Welt zu erleichtern. Die f\u00fcrstliche Hofapotheke hilft mit allen erforderlichen Medikamenten. Wie im Krankenhaus, so sind auch im Versorgungsheim Mallersdorfer Franziskanerinnen den Gebrechlichen zur Seite. Von \u00f6ffentlichen Anstalten seien schlie\u00dflich noch die Raiffeisenkasse, die Waschanstalt und das moderne Postamt erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p><strong>Das geistige Leben einst und heute<\/strong><\/p>\n<p>Wallerstein ist der Sitz eines katholischen und eines evangelisch-lutherischen Pfarramtes. Das kirchliche Leben ist beiderseits sehr rege. Der Tradition entsprechend steht auch das gesamte Schulwesen auf dem festen Boden der christlichen Lehre. Vielen Neub\u00fcrgern wird es wissenswert sein zu h\u00f6ren, da\u00df es einst mannigfaltiger war als heute. Die deutsche Normalschule wurde 1788 eingef\u00fchrt. Die Liste der Volksschullehrer reicht bis 1652 zur\u00fcck und k\u00f6nnte sicher noch weitergef\u00fchrt werden, w\u00e4ren nicht Akten im 30j\u00e4hrigen Krieg verlorengegangen. Das erste Schulgeb\u00e4ude war das Haus Nr.29 in n\u00e4chster N\u00e4he des \u201eAdlers\u201c. 1762 berief Graf Philipp Karl die Piaristen nach Wallerstein, deren Kolleggeb\u00e4ude (heute \u201eKl\u00f6sterle\u201c) um 1764 erbaut wurde. Sie errichteten hier eine Knabenvolks- und Lateinschule, die lange Zeit hindurch wirksam sein sollte. 1842 schlie\u00dft die Geschichte dieses Instituts, das aber als zweiklassige f\u00fcrstliche Privatlateinschule bis 1913 weitergef\u00fchrt wurde. 1812 bis 1820 bestand ein f\u00fcrstliches Zeichnungsinstitut mit Unterricht in k\u00fcnstlerischen F\u00e4chern und Vermessungslehre, 1840 bis 1844 eine Feiertagsgewerbeschule, d.h. eine ausgesprochene Volkshochschule mit Vorlesungen \u00fcber verschiedene technische F\u00e4cher. 1841 bis 1844 wirkte hier eine Forstschule. Von 1866 bis 1883 bestand als Filiale der Lehrerbildungsanstalt Lauingen eine Pr\u00e4parandenschule in drei Kursen.<\/p>\n<p>Das sogen. Rein\u2019sche Privatlehrinstitut von 1820, ein Vorl\u00e4ufer des Instituts der Englischen Fr\u00e4ulein, hielt seine Kurse bis 1856. 1859 wurde im \u201eKl\u00f6sterle\u201c die neue Schule als Filialinstitut der Englischen Fr\u00e4ulein von Mindelheim er\u00f6ffnet. Schon 1864 konnte eine eigene T\u00f6chterschule mit Pensionat errichtet werden. 1873 gr\u00fcndete das Institut die Kinderschule. Das Haus Nr.80 in der Herrengasse wurde erworben und 1877 erfolgte die Trennung der Filiale vom Mutterhaus. 1904 konnte der Kapellenbau, 1910 der Neubau vollendet, 1930 der Piaristenbau gekauft und 1931 der Nordtrakt v\u00f6llig erneuert werden. Die Jahre 1938\/39 brachten den erzwungenen Abbau der Mittelschule und nach mancherlei Schicksalsschl\u00e4gen konnte man erst 1945\/46 den vollen Lehrbetrieb wieder aufnehmen. Heute unterweisen 11 Lehrkr\u00e4fte und 2 Religionslehrer insgesamt 134 Sch\u00fcler. Davon sind 80 Z\u00f6glinge und 30 Sch\u00fclerinnen der Koch- und N\u00e4hkurse in den Wintermonaten. Das Institut umfa\u00dft eine dreij\u00e4hrige M\u00e4dchenmittelschule, eine einj\u00e4hrige Haushaltungsschule und die genannten Kurse. Sein Ziel ist die Heranbildung von M\u00e4dchen zu gebildeten, lebenst\u00fcchtigen und charaktervollen Frauen und M\u00fcttern. Die Aufnahme in die Mittelschule setzt den erfolgreichen Besuch der 7. Klasse der Volksschule oder der 3. Klasse Oberschule voraus. F\u00fcr den Eintritt in die Haushaltungsschule wird von den 16j\u00e4hrigen M\u00e4dchen eine abgeschlossene Berufsschulbildung verlangt. Ein sehr sch\u00f6nes, modernes und hygienisches Sch\u00fclerinnenheim bietet den Rahmen f\u00fcr ein freudiges und harmonisches Gemeinschaftsleben. Das Abschlu\u00dfzeugnis der M\u00e4dchenmittelschule schlie\u00dft die mittlere Reife ein.<\/p>\n<p>Die Volksschule mit zusammen 290 Sch\u00fclern wird von 6 Lehrkr\u00e4ften (davon zwei Matres des Englischen Instituts und eine Sprachenlehrerin) und 3 Religionslehrern unterwiesen. Die Kinderschule wird nach wie vor vom englischen Institut betreut. Das Institut ist nicht nur in schulischer Beziehung ein Mittelpunkt f\u00fcr das geistige Leben in Wallerstein. Es war schon vor Jahrzehnten durch seine theatralischen Auff\u00fchrungen bekannt und hat in den letztvergangenen Jahren unter der Leitung der kunstfreudigen Mater Oberin Pia Lindenmayer wiederholt durch Hauskonzerte mit namhaften K\u00fcnstlern den Wallersteinern besondere Erlebnisse vermittelt.<\/p>\n<p>Das Musikleben war schon vor 150 Jahren Wallersteins gro\u00dfe St\u00e4rke. Der damalige F\u00fcrst Kraft Ernst war \u00e4hnlich musikbegeistert wie der F\u00fcrst Esterhazy in Eisenstadt. Er gr\u00fcndete 1785 eine Hofkapelle, die ihre H\u00f6chstbl\u00fcte unter dem Sudetendeutschen Anton Rosetti-R\u00f6\u00dfler aus Leitmeritz erreichte und 32 z.T. hervorragende Musiker umfa\u00dfte. Rosetti gilt heute noch als der ber\u00fchmteste Haydnepigone. Seine Kompositionen atmen eine k\u00f6stliche Frische. Joseph Haydn konnte nach seinem Besuch in Wallerstein im Dezember 1790 sagen: \u201e &#8211; kein mir bekanntes Orchester hat meine Sinfonien mit soviel Pr\u00e4zision ausgef\u00fchrt\u201c. Der Meister hat f\u00fcr den F\u00fcrsten drei Sinfonien geschrieben. Wallerstein blieb noch jahrelang eine Hauptpflegest\u00e4tte der Haydnschen Kunst. Nach Rosettis Weggang 1789 \u00fcbernahm der Major und Musikintendant von Beecke, ein Sch\u00fcler Glucks, der auch als Komponist erfolgreich war, die Kapelle. Er starb 1803 und wurde in Wallerstein beigesetzt. Es ist sehr interessant, da\u00df in den alten Akten immer wieder sudetendeutsche und tschechische Namen auftauchen. So wurde z.B. 1807 der Hofmusiker J. Nep. Hiebesch Chorregent. Vorher hatte schon ein Franz Pokorny denselben Dienst versehen. In der Chorbibliothek waren neben den ber\u00fchmten \u00d6sterreichern und Italienern Werke des Deutschm\u00e4hren F. X. Richter und des Deutschb\u00f6hmen Tuma vertreten. Unter Rosetti wirkte ein Zwierzina als Solohornist und Janitsch als erster Violinist. Nicht nur Hofg\u00e4rtner und Stallmeister, auch viele Musiker kamen aus B\u00f6hmen hierher. So ist es uns beinahe nat\u00fcrlich, an dieses Erbe wieder anzukn\u00fcpfen. Die Musikalit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung ist bekannt. Der Kirchengesang, die Leistungsf\u00e4higkeit der Ch\u00f6re und Liebhabertheater beweisen sie immer wieder. Und die sch\u00f6nen Stimmen der jungen M\u00e4nner, die in lauen N\u00e4chten ihre St\u00e4ndchen erschallen lassen, k\u00f6nnten es mit mancher Berufsvereinigung von Volkss\u00e4ngern aufnehmen. \u2013 Der Berichterstatter hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur vortragend die genannten historischen Zusammenh\u00e4nge darzulegen, sondern mit Serenaden und konzertanten Veranstaltungen ein Wiederaufleben der alten Wallersteiner Musikkultur zu bewirken. Se. Durchlaucht, F\u00fcrst Eugen zu Oettingen-Wallerstein bringt diesen Bestrebungen gro\u00dfes Interesse entgegen.<\/p>\n<p><strong>Der Kunstsinn bl\u00fchte<\/strong><\/p>\n<p>Ein Geschlecht, das so viel Kunstsinn bewiesen hat und in F\u00fcrst Ludwig einen hervorragenden Sammler und Kenner von Gem\u00e4lden besa\u00df, wu\u00dfte auch ausgezeichnete K\u00fcnstler am Hofe zu besch\u00e4ftigen. Die Maler- und Schnitzerfamilie der Brenner hat im 17. Jahrhundert Bedeutendes geleistet. Goldschmiede und Goldsticker waren vor allem mit der Schaffung von Me\u00dfger\u00e4ten und Paramenten beauftragt. Unter den Hofschreinern befanden sich K\u00fcnstler von Rang. In unserer Zeit f\u00fchrt Ihre Durchlaucht, die F\u00fcrstin Julie zu Oettingen-Wallerstein mit ihren einzigartigen Krippenszenen, die allj\u00e4hrlich in St. Anna ausgestellt werden, das reiche bildnerische Erbe Wallersteins weiter. Der junge Nachwuchs der Einheimischen hat in Anni Bayer eine begabte Graphikerin und Kunstgewerblerin.<\/p>\n<p>Die literarische Geschichte unseres Ortes h\u00e4ngt inniger mit Goethe zusammen, als man meinen m\u00f6chte. Goethes \u201eUrfreund\u201c, Karl Ludwig von Knebel, ist hier geboren und hat seine ersten Kindheitsjahre in Wallerstein verbracht. Karl Heinrich Ritter von Lang, der Verfasser der Hammelburger Reisen\u201c und kritischer \u201eMemoiren\u201c, war von 1790 bis 1792 Hof- und Kabinettssekret\u00e4r des F\u00fcrsten Kraft Ernst. Melchior Meyr, der das Ries in die deutsche Dichtung einf\u00fchrte, geno\u00df seine erste Schulausbildung in Wallerstein. Heute ist eine namhafte Romanschriftstellerin und Verfasserin vielgelesener Jugendb\u00fccher, Clara Hohrat-Rommel, hier ans\u00e4ssig. Auch ihre Tochter, die S\u00e4ngerin und Musikerzieherin Alberta Rommel, ist schriftstellerisch t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Wallerstein brachte auch einen bedeutenden geistlichen W\u00fcrdentr\u00e4ger hervor: Franz Alban Weckert, der als Bischof von Passau 1889 starb. Die wissenschaftliche Forschungst\u00e4tigkeit war besonders im f\u00fcrstlichen Archiv und damit zusammenh\u00e4ngend in Bibliothek und Sammlung Maihingen gegeben. Dr. Wilhelm Frh. Von L\u00f6ffelholz, Dr. Georg Grupp und Dr. A. Diemand seien hier als die wesentlichsten F\u00f6rderer der Geschichts-und Kunstwissenschaft genannt. Der Historiker, Kunstkritiker und Zeitungswissenschaftler Prof. Dr. Hans Adler setzt in der Gegenwart diese gediegene wissenschaftliche Tradition fort.<\/p>\n<p>Ein Bilderbogen kann nur kleine Bilder aneinanderf\u00fcgen, nur anregen und unterhalten. Die gro\u00dfe F\u00fclle an Geschehnissen und Schicksalen, die auch ein so kleiner Ort durch die eigene landschaftliche, geschichtliche und gesellschaftliche Situation aufweist, ergibt, wenn man sie schauend und h\u00f6rend erlebt, ein anderes, plastisches und farbenreiches Bild. Es war der Sinn meiner Plauderei, allen Nachbarn und Mitbewohnern ein wenig Freude zu bereiten und ihnen das Sch\u00f6ne dieses Lebensraumes nahe zu bringen, dessen Pflege unser gemeinsames Bem\u00fchen sein sollte.<\/p>\n<p><strong>Das F\u00fcrstenhaus Oettingen-Wallerstein<\/strong><\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte nur ganz wenige Geschlechter in Deutschland, ja in ganz Europa geben, die wie die Oettingens schon nahezu 1000 Jahre mit gewissen Schwankungen im Laufe der Geschichte ihren heutigen Besitz innehaben. Wenn man denkt, da\u00df bereits 987 ein Riesgaugraf Friedrich genannt wird, so kann man annehmen, da\u00df auch dieser schon auf eine stattliche Zahl gewichtiger Vorfahren in diesem Gebiet zur\u00fcckgeblickt haben mu\u00df. Bereits 1261 besitzt ein Graf Ludwig Oettingen das Schlo\u00df Wallerstein, das zuvor im Besitz der Hohenstaufenkaiser genannt wird.<\/p>\n<p>Eine eigene Wallersteiner Linie des nach dem urspr\u00fcnglichen Hauptsitz Oettingen genannten Geschlechts, gab es zuerst unter Johann I. (1415-49), w\u00e4hrend der heutige Stamm auf Wolfgang III. (1573-98) zur\u00fcckgeht. Die alte Hauptlinie Oettingen-Oettingen starb dann 1731 aus, wodurch die Wallersteiner, unter Vergleich mit den Spielbergern, zwei Drittel von diesem Gebiet erbte, sich somit erheblich vergr\u00f6\u00dferte und 1744 den Reichsf\u00fcrstenstand erhielt. Harburg und Hohenaltheim stammen aus diesem Erbe, w\u00e4hrend mit dem Aussterben des Balderner Zweiges Ende des 18. Jahrhunderts, auch diese Herrschaft hinzukam. 1806 verfiel mit der Mediatisierung die Landeshoheit teils an Bayern, teils an W\u00fcrttemberg. Fast alle bedeutenden F\u00fcrstenfamilien erscheinen in der Oetting\u2019schen Stammtafel: die Hohenzollern, Wittelsbacher, Z\u00e4hringer und die W\u00fcrttemberger sind teils mehrfach vertreten. Auch die Gro\u00dfmutter der Kaiserin Maria Theresia war eine Oettingen. Der heutige Chef des Hauses, F\u00fcrst Eugen, der demn\u00e4chst das 65. Lebensjahr vollendet, ist mit der Prinzessin Marianne zu Hohenlohe-Schillingsf\u00fcrst, einer Enkelin des ehemaligen Reichskanzlers verheiratet. Drei S\u00f6hne und eine Tochter entstammen der Ehe. Ein Sohn, Prinz Moritz, fiel 1944 in Rum\u00e4nien, w\u00e4hrend Erbprinz Carl Friedrich noch heute an schweren Kriegsverwundungen leidet. Auch sonst ging das allgemeine Schicksal nicht am f\u00fcrstlichen Hause vor\u00fcber. Die Familien von drei der vier Schwestern des F\u00fcrsten wurden unter Verlust ihres Besitzes aus dem Sudetenland ausgewiesen. Eine Schwester wurde bei einem Bombenangriff auf Wien unter den Tr\u00fcmmern begraben.<\/p>\n<p>F\u00fcrst Eugen ist f\u00fchrend in verschiedenen Wirtschaftszweigen t\u00e4tig. Er geh\u00f6rt auch zu den Gro\u00dfgrundbesitzern, die bereits 1946 positive und praktische Angebote f\u00fcr eine vern\u00fcnftige Bodenreform machten. \u00dcber 1000 Tagwerk Grund sind schon heute von ihm abgetreten worden. Auch sonst ist F\u00fcrst Eugen im \u00f6ffentlichen und politischen Leben eine markante Erscheinung, die man in M\u00fcnchen, aber auch in Frankfurt oder Bonn nicht \u00fcbersieht.<\/p>\n<p><strong>Schlo\u00df und Besitz<\/strong><\/p>\n<p>Das heutige Schlo\u00df dient erst seit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg als Wohnsitz, w\u00e4hrend zuvor auf dem Wallersteiner Felsen eine m\u00e4chtige Burgresidenz stand, die 1648 zerst\u00f6rt wurde, und bereits im Jahre 916 erstmalig genannt wird. Der heutige Zustand des Schlosses geht auf die F\u00fcrstin Wilhelmine, geborene Herzogin von W\u00fcrttemberg zur\u00fcck, die Anfang des 19. Jahrhunderts mehrere alte Bauten zu einem Gesamtbau vereinigen lie\u00df. Die architektonische Perle des f\u00fcrstlichen Besitzes am Ort ist die unter den Grafen Johann Friedrich und Philipp Carl erbaute, 1751 vom Baumeister Trientl aus Wien vollendete Reitschule. Die schon erw\u00e4hnte F\u00fcrstin Wilhelmine kaufte auch das sogenannte Schl\u00f6\u00dfchen als Witwensitz an, in dem heute die F\u00fcrstinwitwe Julie, geborene Prinzessin Montenuovo, lebt und als Tochter des unter Kaiser Franz Josef so bekannten F\u00fcrsten ein St\u00fcck alter Wiener Kultur nach Wallerstein brachte.<\/p>\n<p>In den Resten der alten Burg am Felsen befindet sich heute die zentrale Dom\u00e4nen- und Hofverwaltung, das bedeutsame Archiv und die Brauerei. Die starken Familienbande des in Prag als Sohn einer geborenen Gr\u00e4fin Czernin geborenen F\u00fcrsten Eugen bringen es wohl mit sich, da\u00df er neben einer ausgesprochenen Liebe zu seiner bayerischen Heimat ein besonderes Herz gerade f\u00fcr die sudetendeutschen Ausgewiesenen hat, was in deren starkem Anteil auch bereits in gehobenen Stellen der f\u00fcrstlichen Verwaltung zum Ausdruck kommt. Bereits im ersten Zuge der Ausweisungen fanden etwa tausend Fl\u00fcchtlinge Aufnahme in den verschiedenen zum f\u00fcrstlichen Bereich geh\u00f6rigen Geb\u00e4uden. Die bereits seit 1632 urkundlich bekannte f\u00fcrstliche Brauerei hat sich im weiten Umkreis von Wallerstein einen gesch\u00e4tzten Namen gemacht. Endlich ist das f\u00fcrstliche Archiv nicht nur eine oft unerl\u00e4\u00dfliche Auskunftsquelle, sondern zieht immer wieder Wissenschaftler zu den interessantesten Forschungen herbei, finden sich doch Urkunden von Karl dem Gro\u00dfen und anderen historischen Pers\u00f6nlichkeiten in reichem Ma\u00dfe in seinen unendlichen Regalen.<\/p>\n<p><i>Erstellt von Barbara Kratky<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n<script>\nvar zbPregResult = '0';\n<\/script>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Freitag, 17. 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